Der therapeutische Wert von Tai Chi für Menschen mit Multipler Sklerose


Der therapeutische Wert von Tai Chi für Menschen mit Multipler Sklerose


Autoren
von Janina M. Burschka, Philipp M. Keune, Peter Kuhn

 

Abstract
Für Menschen mit Multipler Sklerose ist Bewegung ein wichtiger Bestandteil der Therapie.
Es gibt bisher nur wenige Informationen darüber, wie sich körperliche Aktivität auf bestimmte neurologische Symptome auswirkt. Ziel der vorliegenden Studie war es, den therapeutischen Wert eines strukturierten Taijiquan Trainings für Menschen mit MS zu untersuchen.
An der Studie nahmen 32 Menschen mit MS teil. Ein Teil der Gruppe erhielt für sechs Monate ein strukturiertes Taijiquan Training, das zweimal wöchentlich für jeweils 90 Minuten stattfand.
Der andere Teil der Gruppe behielt die aktuelle Behandlung bei. Die Gruppen wurden jeweils vor und nach den sechs Monaten in den Bereichen Koordination, Gleichgewicht, Fatigue, Depression und Lebenszufriedenheit untersucht.
Nach den sechs Monaten zeigte die Taijiquan Gruppe signifikante Verbesserungen in den Bereichen Gleichgewicht, Koordination und Depression relativ zur Vergleichsgruppe. Zusätzlich verbesserte sich die Lebensqualität (nicht signifikant).
Die Fatigue blieb in der Taijiquan Gruppe relativ stabil, während sie in der Vergleichsgruppe zunahm.
Dieses konsistente Muster in den Ergebnissen deutet darauf hin das Taijiquan für Menschen mit MS therapeutisches Potential birgt.
Um die zugrundeliegenden Wirkmechanismen bestimmen zu können sind weitere Untersuchungen nötig. Zusätzlich sollten die Ergebnisse anhand einer größeren Stichprobe verifiziert werden.

 

Hintergrund

Multiple Sklerose (MS) ist eine Erkrankung des zentralen Nervensystems. Sie ist eine sehr häufige Erkrankung im jungen Erwachsenenalter - nicht heilbar, aber behandelbar. Da Symptome und Verlauf sehr unterschiedlich sein können wird MS auch als die Krankheit mit den 1000 Gesichtern bezeichnet.
MS ist eine Autoimmunerkrankung. Das bedeutet, das Immunsystem greift körpereigenes Gewebe im Gehirn und im Rückenmark an, so dass dort Entzündungsherde entstehen. Je nachdem welche Bereiche im zentralen Nervensystem betroffen sind, treten unterschiedliche Symptome auf. Dies sind zum Beispiel Gleichgewichtsprobleme, Schwierigkeiten beim Gehen, erhöhte Erschöpfbarkeit (Fatigue) und  Depression. Die Möglichkeiten einer medikamentösen Behandlung wurden in den letzten Jahren ganz erheblich verbessert. Das Fortschreiten der Erkrankung ist jedoch immer noch ein schleichender Prozess, der zu einer zunehmenden Schwere der Symptomatik und der Behinderung führen kann. (Hoffmann, 2006) 

Bewegung als essentieller Bestandteil der Therapie

Erst kürzlich wurde körperliche Aktivität als essentieller Teil der Behandlung von MS anerkannt. Dies ist immenser Fortschritt, denn noch vor nicht allzu langer Zeit wurde Menschen mit MS davon abgeraten sich körperlich zu betätigen (Tallner, Mäurer & Pfeifer, 2013). Die Wissenschaft ist sich mittlerweile einig, dass körperliche Aktivität absolut sinnvoll und gewinnbringend für Menschen mit MS ist. Bisherige Studien deuten darauf hin dass sich körperliche Aktivität positiv auf folgende Bereiche auswirkt aerobe Ausdauerleistungsfähigkeit, Muskelkraft, Beweglichkeit, Gleichgewicht, Fatigue, Kognition und Lebensqualität (Halabchi, 2017). Dennoch führen viele Menschen mit MS einen körperlich inaktiven Lebensstil. Außerdem sind Informationen über die Auswahl, Dosis und zu erwartenden Effekten von spezifischen Bewegungsprogrammen rar. Aufgrund der Vielzahl an verschiedenen Symptomen und den unterschiedlichen Verläufen der Erkrankung erscheinen solche Bewegungsformen besonders interessant, die gut individuell anpassbar sind. (Tallner & Pfeifer, 2008) Taijiquan wurde bisher in vielerlei Hinsicht beforscht (Burschka et al., 2013). Dabei stand meistens der therapeutische Wert von Taijiquan für Menschen mit den verschiedensten Krankheitsbildern im Vordergrund. Taijiquan scheint sich insbesondere für Menschen zu eignen, die Probleme mit der Bewegungssteuerung und der Koordination haben, zum Beispiel in Balance bleiben, gezielte Schritte setzen, sich selbst spüren.


Ziel der vorliegenden Arbeit strukturiertes Taijiquan Training für Menschen mit MS

Bisherige Untersuchungsergebnisse deuten darauf hin, dass Taijiquan die Gesundheit von Menschen mit verschiedenen neurologischen Erkrankungen positiv beeinflussen kann. Dazu zählen Morbus Parkinson, Fibromyalgie, Schlaganfall, periphere Neuropathie (Au-Yeung, Hui-Chan & Tang, 2009; Li et al., 2012; Li & Manor, 2010; Wang et al., 2010). Bisher gibt es drei Studien zum Thema Taijiquan und Multiple Sklerose. Husted et al., 1999 berichteten von Verbesserungen in den Bereichen Gehstrecke, Beweglichkeit und psychologischen Wohlbefinden. Mills, Allen & Carey-Morgan (2000) beobachteten Verbesserungen in den Bereichen Gleichgewicht und Management von Symptomen. Tavee et al. (2011) 3 berichteten von Verbesserungen in der subjektiven physischen und mentalen Gesundheit, sowie im Bereich Schmerz, aber nicht im Bereich Mobilität.

All diese Studien untersuchten lediglich einen Zeitraum von maximal zwei Monaten. Das ist bemerkenswert, denn die erwarteten Effekte von Taijiquan steigen mit zunehmender Übungsdauer an (Wayne, 2008). Für die vorliegende Studie wurde ein Konzept erstellt, das einfach und somit wiederholbar ist. Ziel der Studie war die Untersuchung der Effekte dieses Trainingskonzeptes auf die Parameter Gleichgewicht, Koordination, Fatigue, Depression und Lebensqualität von Menschen mit MS.


Methoden


Studiendesign und Teilnehmer

Die Studie wurde zwischen 2010 und 2012 einer Klinik in Bayreuth durchgeführt. Insgesamt wurden 400 MS-Patienten auf die Einschlusskriterien hin untersucht, woraufhin 38 von ihnen in die Studie eingeschlossen wurden. 32 Patienten schlossen die Studie ab. Die Messungen erfolgten zu Studienbeginn sowie nach 6 Monaten. Zu den Messzeitpunkten nahmen alle Patienten an zwei motorischen Tests (Gleichgewicht und Koordination), als auch an drei Fragebogenerhebungen zu den Themen Fatigue, Depression und Lebenszufriedenheit teil. Fünfzehn Patienten erhielten ein strukturiertes Taijiquan-Training, 17 Patienten behielten ihre bisherige Behandlung bei. Sechs Patienten der Taijiquan Gruppe stiegen aus der Studie aus, fünf aus zeitlichen Gründen, eine Person aus gesundheitlichen Gründen. Die beiden Gruppen unterschieden sich zu Beginn der Studie nicht im Hinblick auf demographische und klinische Variablen, sowie im Gesundheitsverhalten. Allerdings war der Behinderungsgrad der Vergleichsgruppe etwas höher als d r Behinderungsgrad der Taijiquan Gruppe. (Gemessen wurde der Behinderungsgrad anhand der Expanded Disbaility Status Scale (EDSS) nach Kurtzke (1983), EDSS der Taijiquan Gruppe: Range 1-4, Median 2 bzw. EDSS der Vergleichsgruppe: Range 1-4.5, Median 4.) Die Anwesenheit in den Taijiquan Kursen variierte zwischen 15 und 44 (Median
= 30) wahrgenommenen Kursstunden von insgesamt 50 angebotenen Kursstunden.

 

Messung von Gleichgewicht und Koordination

Zur Messung der Parameter Gleichgewicht und Koordination wurden zwei sportmotorische Testverfahren von Bös et al. (1992) verwendet. Der Gleichgewichtstest (GGT) umfasst 14 Aufgaben mit steigendem Schwierigkeitsgrad, und berücksichtigt sowohl statische als auch dynamische Balance. Er beinhaltet eine Reihe von Einbeinständen unter verschiedenen edingungen und eine Reihe von Balancieraufgaben, wobei es darum geht verschiedene Weise über einen niedrigen Holzbalken zu gehen. 
Der Bewegungs-Koordinationstest (BKT) beinhaltet 10 Aufgaben mit steigendem Schwierigkeitsgrad (z.B. auf einem Bein stehend den freien Fuß in Achtform um 2 Kegel bewegen, einen Ball werfen und fangen, einen Hampelmann springen). Beide Tests waren für die funktionelle Bewertung von Patienten während neurologischer Rehabilitation entwickelt worden. Messung von Depression, Fatigue und Lebenszufriedenheit Diese subjektiven Variablen wurden mithilfe von Fragebögen zur Selbsteinschätzung erhoben. Die allgemeine Depressionsskala (ADS) beinhaltet 15 Fragen, mit denen die schwere von depressiven Symptomen während der letzten zwei Wochen untersucht wird. Die Fragen werden auf einer Skala von
0 bis 3 Punkten bewertet. Die maximal erreichbare Punktzahl ergibt 45. Die Fatigue Skala für motorische und kognitive Funktionen (FSMC) beinhaltet 20 Fragen, die auf einer Skala von 1 bis 5 bewertet werden. Die maximal erreichbare Punktzahl ist 80. Der Fragebogen zur Lebenszufriedenheit beinhaltet sechs Bereiche, darunter Gesundheit, Finanzen, Freizeit, elbstkonzept, Sexualität und Freunde. Jeder dieser sechs Bereiche beinhaltet sieben Fragen die auf einer 7 stufigen Bewertungsskala eingeschätzt werden sollen. Das Maximum des Fragebogens beträgt 420 Punkte.


Taijiquan Intervention

Für die Studie wurde ein einfach strukturiertes Taijiquan Programm auf Basis der 10-Form, Yang Stil, entwickelt. Die Unterrichtseinheiten wurden so strukturiert, dass sich während jeder einzelnen Unterrichtseinheit dieselben Elemente wiederholten. Der Vorteil dieses Designs ist, dass Teilnehmer, die eine Stunde verpasst haben, leicht wieder in die Gruppe zurück finden. Zusätzlich dient das kontinuierliche Wiederholen der Form einem beständigen Langzeitlernprozess und unterstützt die Automatisierung der Bewegungen. Die Intervention bestand nur aus Präsenzunterricht ohne Hausaufgaben. Die Taijiquan Lehrerin war eine Sporttherapeutin mit 4 Jahren Taijiquan Erfahrung (JB). Keine Unterrichtseinheit fiel aus, außerdem traten keine unerwünschten Ereignisse auf. 

Während der 6 Monate fanden jeweils zwei 90-minütige Unterrichtseinheiten pro Woche statt. Während des ersten Monats wurde die Form vier bis fünf Mal pro Unterrichtseinheit gespielt. Zwischen den Durchgängen wurde jeweils eine Pause von einigen Minuten eingefügt, in der sich die Teilnehmer erholen und Fragen stellen konnten. In den darauffolgenden fünf Monaten wurde die Form sechs bis acht Mal pro Übungseinheit gespielt. In diesem Zeitraum fanden die Pausen meistens nach jedem zweiten Durchgang statt. Die Steigerung der Wiederholungszahl nach dem ersten Monat basierte auf der steigenden Automatisierung und Fähigkeit der Teilnehmer, dem Ablauf zu folgen. Die höchste 5
Intensität die erreicht wurde waren acht Wiederholungen ohne Pause. Gewöhnlich orientierte sich die Lehrerin am Energielevel der Gruppe und der aktuellen Fähigkeit der Teilnehmer.


Statistische Analyse

Die Unterschiede zwischen den beiden Gruppen wurden anhand einer multivariaten Varianzanalyse mit Messwiederholung, mit dem Innersubjektfaktor Zeit (Studienbeginn, vs. nach 6 Monaten) und dem Zwischensubjektfaktor Gruppe (Taijiquan Gruppe vs. Vergleichsgruppe), separat für jeden Parameter analysiert. Die post-hoc Vergleiche wurden mittels Bonferroni korrigierten zweiseitigen t-Tests durchgeführt.


Ergebnisse


Gleichgewicht und Koordination

Im Gleichgewichtstest zeigte sich eine signifikante Interaktion zwischen Zeit und Gruppe. [F (1,30) = 5.70, p < 0.05, partial η2 = 0.16]. Die Post-hoc Analyse ergab, dass sich die Leistung d er Taijiquan Gruppe verbesserte während sie in der Vergleichsgruppe stabil blieb (Abbildung 2a) Im Koordinationstest zeigte sich ein signifikanter Haupteffekt Zeit [F (1,30) = 4.89, p < 0.05, partial η2 = 0.14] und eine signifikante Interaktion zwischen Zeit und Gruppe [F (1,30) = 6.57, p < 0.05, partial η2 = 0.18]. Die Post-hoc Analyse ergab, sich die Leistung der Taijiquan Gruppe verbesserte, während sie in der Vergleichsgruppe stabil blieb (Abbildung 2b)


Depression, Fatigue und Lebenszufriedenheit

Die Analyse der Allgemeinen Depressionskala ergab einen signifikanten Haupteffekte Zeit [F (1,27) = 6.61, p < 0.05, partial η2 = 0.19] und eine signifikante Interaktion zwischen Zeit und Gruppe [F (1,27) = 6.55, p < 0.05, partial η2 = 0.20]. Die Post-hoc Analyse ergab, dass die Werte der Taijiquan Gruppe im Depressionsfragebogen signifikant abnahmen, während sie in der Vergleichsgruppe relativ stabil blieben. (Abbildung 2d).


Die Analyse des Fatigue Fragebogens ergab eine signifikante Interaktion zwischen Zeit und Gruppe [F (1,25) = 7.83, p = 0.01, partial η2 = 0.24] und einen signifikanten Haupteffekt Gruppe [F (1,25) = 5.91, p < 0.05, partial η2 = 0.19]. Die Post-hoc Analyse ergab einen signifikanten Anstieg der Werte in der Vergleichsgrupp von der ersten zur zweiten Messung. Die Werte der Taijiquan Gruppe blieben dahingegen relativ stabil. In der ersten Messung unterschieden sich die beiden Gruppen nicht im Parameter Fatigue, während sich nach 6 Monaten ein signifikanter Unterschied zwischen den Gruppen zeigte (Abbildung 2c). Im Fragebogen zur Lebenszufriedenheit ergab sich eine signifikante Interaktion zwischen Zeit und Gruppe [F (1,24) = 8.64, p < 0.01, partial η2 = 0.27] und ein signifikanter Haupteffekt Gruppe [F (1,24) = 8.64, p < 0.01, partial η2 = 0.19]. Die Post-hoc Analyse zeigte, dass einen signifikanten Anstieg der Werte in der Taijiquan Gruppe relativ zur Vergleichsgruppe. In der ersten Messung unterschieden sich die Gruppen nicht signifikant im Parameter Lebenszufriedenheit, während sich nach 6 Monaten ein signifikanter Unterschied zwischen den Gruppen zeigte (Abbildung 2e).


Diskussion

Körperliche Bewegung wurde erst kürzlich als essentieller Teil der Therapie von MS anerkannt. Bisher gibt es nur ungenügende Informationen über die Effekte von spezifischen Bewegungsprogrammen auf bestimmte neurologische Symptome. Taijiquan kann einige Krankheitsbilder positiv beeinflussen und könnte auch dazu beitragen, die Lebensqualität von Menschen mit MS zu verbessern. Die vorliegende Studie untersuchte den therapeutischen Wert von einem neu strukturierten Taijiquan Training auf die Parameter Koordination, Gleichgewicht, Fatigue, Depression und Lebensqualität in geringgradig behinderten Menschen mit MS.


Die Ergebnisse sind im Einklang mit vorherigen Berichten. Während der Taijiquan Intervention verbesserten sich sowohl die objektiven Parameter Gleichgewicht und Koordination, als auch die subjektiven Parameter Depression und Lebensqualität in der Taijiquan Gruppe, während sie in der Vergleichsgruppe gleich blieben. Zusätzlich wurde ein Erhaltungseffekt in Bezug auf Fatigue beobachtet, da die Werte der Taijiquan Gruppe relativ stabil blieben während sich die Werte der Vergleichsgruppe verschlechterten. Insgesamt zeigte sich ein konsistentes Muster an positiven Veränderungen in den untersuchten Zielvariablen. Dies unterstützt den therapeutischen Wert eines strukturierten Taijiquan Trainings im Kontext der MS Therapie. Während die genauen Wirkmechanismen noch untersucht werden müssen, erlauben die vorliegenden Ergebnisse den Vorschlag, dass durch Taijiquan sowohl die Gleichgewichtsfähigkeit als auch die Koordination verbessert werden kann und sich zusätzlich vorteilhafte Effekte auf Stimmung und Fatigue ergeben. Wir schlagen vor, die 10-Form auch in
zukünftigen Studien zu nutzen, da sie weithin bekannt ist.


Limitationen und Schlussfolgerungen

Während unsere Ergebnisse die aktuelle Literatur um die positiven Effekte von Taijiquan und körperlicher Aktivität bei Menschen mit MS erweitern, müssen sie im Kontext einiger Limitationen interpretiert werden. Auf der einen Seite erforderte die Dauer der Intervention, dass eine ausreichend große Anzahl an Teilnehmern den Taijiquan Kurs besuchen konnte. Daher erfolgte die Zuteilung zu den Gruppen nicht randomisiert, sondern nach der Präferenz der Teilnehmer. Die Orientierung an den Teilnehmerwünschen könnte auch dazu geführt haben, dass sich die Gruppen zwar nicht in klinischen Charakteristiken unterschieden, jedoch im Grad der Behinderung. Dieser Unterschied zwischen den Gruppen könnte die Ergebnisse beeinflusst haben. Zusätzlich muss bedacht werden, dass nur eine kleine Stichprobe untersucht werden konnte und dass sowohl die Kursleitung als auch die Datenerhebung von der gleichen Person (JB) durchgeführt worden sind. Zusätzlich wurde die Dosis des Taijiquan Trainings nicht im Detail aufgezeichnet. Allerdings kann die tatsächliche Dosis des Taijiquan nicht leicht gemessen werden, da sie von vielen verschiedenen Komponenten und der persönlichen Einsatzbereitschaft und Hingabe der Teilnehmer abhängt.

Auf der anderen Seite ist es bemerkenswert, dass das Muster an positiven Effekten über alle Zielgrößen hinweg positiv war. Wir schlagen vor, die Ergebnisse dieser Arbeit anhand einer größeren Stichprobe in einem randomisierten Design und mit verschiedenen MS Subgruppen zu verifizieren. Solche zukünftigen Studien könnten auch zusätzliche Vergleichsgruppen einschließen, vor allem um unspezifische Effekte zu untersuchen. Unspezifische Effekte könnten beispielsweise positive Auswirkungen auf die wahrgenommene Depression und Lebenszufriedenheit sein, die nicht direkt aus dem Taijiquan Training, sondern aufgrund verbesserter sozialer Unterstützung und verbesserter Selbstwirksamkeitserwartung auftreten.
Um verschiedene Komponenten einer Taijiquan Intervention zu untersuchen, z.b. Bewegung, Achtsamkeit und Atmung, könnte es helfen, Theorien über die zugrundeliegenden Wirkmechanismen zu bilden. In diesem Kontext scheint es sinnvoll die Effekte einer Taijiquan Intervention auf die Neuroplastizität zu untersuchen, unter Berücksichtigung der motorischen und sensorischen Fähigkeiten von Menschen mit MS. Eine verbesserte Innenschau und Körperwahrnehmung könnte die Qualität der Bewegungskontrolle verbessern, und so zu mehr Vertrauen in die eigene Bewegung und den eigenen Körper führen.


Schlussfolgerungen

Die Taijiquan 10-Form ist sicher und geeignet für eine 6-monatige Intervention für Menschen mit MS. Taijiquan könnte sich positiv auf das Gleichgewicht, die Koordination, das psychologische Wohlbefinden von Menschen mit MS auswirken.

 

Interessenskonflikt

Die Autoren erklären, dass kein Interessenskonflikt besteht. Die Studie wurde von Novartis Pharma GmbH unterstützt. JB erhielt eine Aufwandsentschädigung für die Präsentation der Studie auf einem Symposion der Novartis Pharma GmbH.

 

Literaturverzeichnis
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